Nicole de Oresme
Theologe, Naturphilosoph und Mathematiker der Scholastik
1323 (Caen) Studium in Paris
1348 -1361 Lehrer am Collège de Navarra in Paris
1355/56 Doktor der Theologie und Vorsteher des Collège
1364 Dechant in Rouen
1377 Bischof von Lisieux
1382 (Lisieux)
Bischof der Normandie
Oresme's hauptsächliches Verdienst war die Entwicklung der Theorie der 'Formlatituden', in denen man von heute aus eine frühe Formulierung des Funktionsbegriffs sehen kann. In dieser Theorie versucht Oresme Qualitäten zu quantifizieren. Jeder Qualität wurde eine Verteilung ihrer Intensitäten zugeordnet, die er geometrisch darstellte und in Form von Punkten, Linien oder Flächen über der Qualität abtrug. Das ergab verschiedene geometrische Formen, die er nach ihrem Aussehen klassifizierte.Rechtecke repräsentierten gleichförmige Qualitäten, Trapeze oder Dreiecke gleichförmig-ungleichförmige.
Oresme bettete in einer für seine Zeit typischen Weise mathematische und naturphilosophische Studien in seine theologische Tätigkeit ein. Die Mathematik verdankt ihm u.a. die erste Überlegung, warum die Summe 1 + 1/2 + 1/3 + 1/4 + ... aller Stammbrüche jede endliche Schranke übertrifft, sowie die Einführung gebrochener Exponenten und Regeln für das Rechnen mit Potenzen. Auf dem Bild weist ihn in ebenfalls zeittypischer Weise eine Armillarsphäre (ein einfaches Modell des geozentrischen astronomischen Systems) als einen den mathematischen Wissenschaften zugeneigten Gelehrten aus.
Auf Vorschlag von König Charles V. (1364-1380) und mit Bestätigung durch Papst Gregor XI. (1370-1378) wurde Oresme am 16. November 1377 Bischof von Lisieux und im darauffolgenden Jahr mit dem Ehrentitel eines Königlichen Rates ausgestattet. Charles V. le Sage (der Weise), 13381380, König ab 1364 schätzte Oresmius als weltlichen und geistlichen Ratgeber und vertraute ihm ausgewählte wissenschaftliche Aufgaben an, u.a. die Kommentierung und Übertragung aristotelischer Werke ins Französische, das damit zu einer Wissenschaftssprache aufstieg. Daneben befaßte sich der Gelehrte unter Entwicklung eigener neuer Theorien mit einer Vielzahl mathematischer, physikalischer und astronomisch-kosmologischer Probleme, entschieden wandte er sich gegen Wahrsagerei und einen übermäßigen Einfluß der Astrologie. Als Theologe verfaßte Oresme zahlreiche Traktate und Predigten, von denen 115 lateinische Texte erhalten sind. Mit teilweise erstaunlicher Offenheit befassen sich diese mit kirchlichen Mißständen und belegen das eindringliche Bemühen um Abhilfe; zu Weihnachten 1363 nützte Oresme eine Predigt am Hofe von Papst Urban V. (1362-1370) (Abb. 4) in Avignon zu kritischen Äußerungen gegen Zentralismus und Korruption der Kirche. In der Vielfalt und der Bedeutung seiner Studien auf unterschiedlichen Wissenschaftsfeldern errang Oresme den Ruf eines erstklassigen Universalgelehrten, dessen originäre Denkansätze ihm eine tiefgreifende, bis in die Neuzeit reichende intellektuelle Nachwirkung einbringen sollten. Hervorragend sind seine Leistungen als Naturwissenschaftler: Er gilt als einer der wichtigsten mittelalterlichen kirchlichen Mathematiker, seine physikalischen Studien zur Bewegung scheinen von Galilei aufgegriffen worden zu sein, seine Ansätze zur Mechanik und analytischen Geometrie weisen in die Moderne. Ein weiteres, von Oresme schon früh bearbeitetes Feld ist das der Ökonomie. Seine Bedeutung für die Wirtschaftswissenschaft wie auch die konkrete Geld- und Finanzpolitik seiner Zeit gründet sich vor allem auf ein Werk, den Tractatus de origine et natura, iure & mutationibus monetarum (Abhandlung über den Ursprung und die Natur, das Gesetz und die Veränderungen der Münzen). Eine erste Fassung dieses Manuskripts wurde wohl bereits ab 1355 unter dem Titel Tractie des monnaies ausgearbeitet, etwa zwei bis drei Jahre später folgte eine zweite, revidierte lateinische Textversion, deren Entstehen möglicherweise im Zusammenhang mit den Reformforderungen der von Thronfolger Charles einberufenen Ständeversammlung in Compiegne im Jahre 1358 zu sehen ist. Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fragen des Geld, Finanz- und Wirtschaftswesens dürfte Oresme, bereits Jahre vor seinen aristotelischen Studien, in der Konfrontation mit den akuten wirtschaftlichen Problemen Frankreichs gelangt sein. Das Land befand sich zur Mitte des 14. Jahrhunderts in einer tiefen politisch-sozialen Krise: der Krieg gegen England, der sogenannte Hundertjährige Krieg (1337-1453), hatte die Städte verwüstet, Handel und Gewerbe lagen darnieder, der Staatsschatz war erschöpft, die Steuerlast drückte schwer, der Landadel forderte Reformen. Nach der Niederlage des französischen Heeres bei Poitiers am 19. September 1356 mußte für den in London gefangen gesetzten König Jean II. ein außerordentlich hohes Lösegeld aufgebracht werden: 4 Millionen Goldstücke (couronnes dor), dazu noch umfangreiche Gebietsabtretungen.